Die Winterwonderweihnachtswutz

Über Nacht schneite es heftig. Eine dicke weiße Decke zog sich über Berge und Wälder, und

das am Heiligen Abend! Die ganze Familie Ploner freute sich über diesen Segen, mit dem sie gar nicht gerechnet hatte, allen voran der achtjährige Tim.

Selbst hier oben, im Pustertal in der Nähe von Brixen, waren im vergangenen Jahr die weihnachtlichen Temperaturen nicht unter null Grad gesunken. Stattdessen war ihnen Dauerregen aufs Gemüt geschlagen. Das hatte die ganze Weihnachtszeit versaut, dachte Tim. Auszusprechen gewagt hätte er das freilich nicht. Seine Eltern achteten streng darauf, dass die Kinder sich einer gepflegten Ausdrucksweise bedienten.

Doch nicht nur der Regen hatte dem kleinen Tim die Stimmung vermiest, sondern auch der Weihnachtswunsch, den er gemeinsam mit seinen Geschwistern geäußert und den das Christkind offenbar „leicht“ missverstanden hatte.

Eigentlich hatten die vier Kinder der Ploners, die im Jahr zuvor den alten Familienstadl bezogen und ihn seither Stück für Stück renoviert hatten, sich ein Schwein gewünscht, ein echtes rosa Hausschweinchen mit Ringelschwanz und Borsten. Immerhin gab es im Stadl einen richtigen Koben, den sie auf diese Weise hätten beleben können.

Was da allerdings im Körbchen unter dem Weihnachtsbaum fröhlich vor sich hin quiekte, hatte weniger von einem Haus- als mehr von einem Meerschweinchen. Es war schwarz-weiß

gefleckt und eigentlich ganz süß, aber natürlich viel kleiner als das gewünschte Haustier, sodass der Älteste, Matti, befand, es sei zu heiß gewaschen worden und dabei eingelaufen.

Nachdem die anfängliche Enttäuschung verflogen war, adoptierten die Geschwister das kleine Geschöpf aber doch und gaben ihm oder vielmehr ihr den Namen „Wendela“. Marie, das einzige Mädchen der Rasselbande, entwickelte im Laufe des kommenden Jahres zur

eifrigen Meersau-Mama.

Der Wunsch nach einem echten Schweinchen begleitete die Kinder aber weiterhin, bis ein Schicksalsschlag ihn bedeutungslos erscheinen ließ. Die geliebte Frau eines befreundeten Bauern, dessen Hof in der Nachbarschaft lag, verunfallte tödlich. Ihre Tochter Tessi, Maries beste Freundin, wurde daraufhin schwermütig, verließ das Bett nicht mehr und schien ihrer

Mutter in den Tod folgen zu wollen. Marie verbrachte nahezu ihre gesamte Freizeit mit Tessi und konnte ihr doch nicht helfen. Jeden Tag ging sie in die kleine Dorfkapelle und betete um die Hilfe dessen, der mehr tun konnte als sie selbst. Ihre Brüder übernahmen in dieser schweren Zeit ohne jedes Murren die Versorgung des Meerschweinchens, um ihre Schwester zu entlasten. Der nächste Heilige Abend kam, und der Himmel wurde teigig-grau, ein Zeichen für baldigen Schneefall, wie sie ihn schon vergangenes Jahr herbeigesehnt hatten.

Mutter Ploner heizte den Holzofen an, gerade noch rechtzeitig, bevor ein wilder Schneefall mit dicken Flocken einsetzte. Durch diesen kämpfte sie sich später mit den Kindern zur

Familienmesse nach Brixen. Zur Christmette, so hatten die Eltern vereinbart, würden sie erst wieder gehen, wenn die Kinder älter wären. Wieder zuhause angekommen, aßen und sangen sie, doch Marie stand traurig am Fenster.

Sie machte sich Sorgen um die kranke Freundin. Da verkündete der Vater kurzentschlossen, dass die ganze Familie dem befreundeten Nachbarn und seiner kranken Tochter einen Kurzbesuch abstatten würde.Gesagt, getan.

Wendela, die seit Maries obligatorischem Tagesgebet aufgeregt an ihrem Käfig rüttelte und nicht zu beruhigen war, nahmen sie mit. Tessi war sofort schockverliebt in das putzige Tierchen. Tagelang hatte sie nur apathisch dagelegen, doch jetzt richtete sie sich auf und spielte mit der kleinen Meerschweindame. Die Familie beriet kurz und war sich einig, sie würde Wendela bei Tessi lassen.

Am nächsten Morgen stand der Nachbar noch vor dem Frühstück aufgeregt vor der Haustür der Ploners. Tessi ging es deutlich besser, sie war in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um dem Meerschweinchen Futter und Wasser zu geben, und war gerade damit beschäftigt, den

Käfig neu zu dekorieren.

Nach Weihnachten bestätigten die Ärzte, dass das Mädchen auf dem Weg der Genesung sei und bald wieder ganz gesund werden würde. Ein echtes Weihnachtswunder war geschehen. Als der überglückliche Vater von dem Wunsch der Ploner-Kinder hörte, schenkte er den Vieren kurzerhand ein wunderschönes schwäbisch-hällisches Ferkel aus seinem eigenen Stall, schwarz-weiß wie ihre Wendela, die bei Tessi blieb und zu der sich bald ein Gefährte gesellte.

Jeden Tag trafen sich die Kinder der beiden Familien, um die Bedürfnisse der kleinen und größeren Schweinchen zu befriedigen und sich an ihrer Gesellschaft zu erfreuen.

Wenige Jahre später verliebten sich Tim und Tessi und heirateten als junge Erwachsene.

Ihre eigenen Kinder wuchsen glücklich zwischen Tieren auf, darunter stets ein Hausschweinchen und einige von Wendelas zahlreichen Nachkommen.

© Viola Eigenbrodt