Warum ich Mannheim so mag

Zugegeben, Heidelberg ist die schönere (Puppen)Stadt am Neckar, Ludwigshafen die deutlich atmosphärelosere am Rhein, dafür günstiger.

Aber Mannheim ist bunt, voller Kultur, Gegensätzlichkeiten, und lebensfroh. Liberal seit Karl-Theodors Zeiten. Ein Ort voller Musik, von der „Mannheimer Schule“ über Jazzmetropole bis hin zur Popakademie. Natürlich nicht in allen Ecken und Enden, aber welche Stadt ist das schon. Und ich wohne nicht wirklich schön, aber auch nicht richtig schlecht. Bereits als ich eine Wohnung suchte, war Mannheim der richtige Ort, wie sich später langsam erschloss.

Nie zuvor war ich so oft zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, habe echte Freunde gefunden, kann frei atmen, habe mich hier noch einmal, mit über 50, neu erfunden. Kein Wunder in einer Stadt, an deren geschichtsträchtigem Nationaltheater Friedrich Schillers „Räuber“ im Januar 1782 uraufgeführt wurde. Der Dichter lebte zu diesem Zeitpunkt noch in Stuttgart und nahm anonym der Aufführung teil, als er später fliehen musste, blieb er zwei Jahre in Mannheim. Der hiesige liberale Boden war es, auf dem Schiller, von seinen Zeitgenossen weit mehr verehrt als Kollege Goethe, seine ersten Erfolge feierte. Bevor der „junge Wilde“ weiter zog, lebte er in verschiedenen Anwesen. Seine letzte Wohnung befand sich wohl im Hölzschen Haus in den B Quadraten. Dieses Ensemble ist heute nicht mehr vorhanden.

Wer aber einen Eindruck gewinnen möchte, wie Schiller damals hier gelebt hat, kann im erhalten gebliebenen benachbarten Barockkomplex B 5,7 – dem heutigen Museum Schillerhaus – einen Einblick in die Atmosphäre der Lebenssituation des jungen Schiller in den letzten Monaten seines Aufenthaltes hier erhalten. Und genau in dieser Ecke Mannheims bekommt auch durch die in unmittelbarer Nähe stehende Jesuitenkirche einen Eindruck, wie Mannheim wohl einmal ausgesehen hat. Wunderschön. Im Gegensatz dazu trubeln ein paar Meter weiter Studenten, Migranten und Künstler im Jungbusch durcheinander.

 

Der „Nachtwandel“

Besonders, wenn zum „Nachtwandel“ der Ministadtteil einmal im Jahr im Oktober seine Tore öffnet– ein Ereignis, das Lebendigkeit, Vielfalt, Offenheit und kulturellem Miteinander kaum zu überbieten ist. Ateliers, normalerweise gut versteckt hinter hohen Türen, dürfen besichtigt werden, Samba-Schulen ziehen durchs Viertel, Moscheen zeigen ihr Innenleben und überall duftet es würzig und anregend nach exotischen Speisen. Keine Gewalt, sondern ein Miteinander, wenigstens an diesen beiden Tagen. Denn der Jungbusch hat es in sich, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie Kraut und Rüben wohnt hier alles durcheinander, Künstler und Musiker, Studenten und sehr viele Migranten. Wobei die Bewohner türkischer Abstammung inzwischen echte Jungbuschler geworden sind, die die neu hinzukommenden aus dem vorderen Balkan gründlich beäugen.

Wo es aber immer alle hinzieht, sind die beiden Flüsse der Stadt, von denen ich im Sommer kaum wegzubringen bin. Im Rhein-Neckar-Kreis ist keine andere Stadt dem Wasser so verbunden wie Mannheim. Ludwigshafen lebt zwar auch vom Rhein und in Heidelberg ist kaum eine location so beliebt wie die Neckarwiese vor Neuenheim, aber nur Mannheim wird von beiden Flüssen umgeben. Am Neckar kann man entlang radeln bis nach Heidelberg, doch das ist nur im Sommer und im Herbst schön. Im Winter ist die kleine Strandbar am Friedrichsring geschlossen, im Frühjahr stören häufige Überschwemmungen das Vergnügen, und natürlich ist der idyllische Weg an Sonn- und Feiertagen stets überfüllt.

 

Die Terrassen und Wiesen am Rhein

Auch die Terrassen und Wiesen am Rhein neben dem gut besuchten Gasthaus am Rhein können sich über Andrang an schönen Tagen nicht beklagen, doch sie sind weitläufiger und größer, und der Rhein fließt einfach majestätischer als der Neckar. Kaum lugt der erste Sonnenstrahl hinter den Wolken hervor, kommen, wie magisch angezogen, die Menschen hierher, um sich im Gasthaus verköstigen zu lassen, auf den Wiesen herumzuliegen, auf den Bänken den Schiffen zuzuschauen, Partys zu feiern oder von hier aus eine Rad-oder Wandertour am Ufer entlang durch den herrlichen Waldpark zu starten, egal, zu welcher Jahreszeit.

Es ist immer schön dort. Selbst wenn es kalt ist, dick eingemummelt zwischen kahlen Bäumen auf den eisgrauen Strom, zu blicken und sich in die Welt der Fantasie treiben zulassen, das hat schon etwas. Tief unten im Bett des alten Flusses treffen sich Wassernixe und Wasserknök zum langsamen Walzer zwischen Algen, zerbrochenen Amphoren und huschenden Fischlein. Nachts steigen sie herauf auf die Parkinsel und feiern bei einem festlichen Dinner zwischen den Weiden ihre ewige Liebe. Träumen in der dunklen Winterzeit und Lachen im warmen Sommer, hier geht beides. Besonderes Highlight ist der Sonnenuntergang, ein kostenloses und immer wieder beeindruckendes Erlebnis. Den ich mir so oft wie möglich gönne. Mannheim mag nicht schön sein, aber liebenswert und macht mich zurzeit sehr glücklich.

Eure Viola


1 Kommentar

  1. Seppich , Erich

    Ich bin vor sehr langer Zeit in Mannheim geboren und habe dort anschließend bis 1963 gelebt . Ein Teil meiner engeren Verwandtschaft lebt oder lebte weiterhin dort und der unmittelbaren Umgebung . Deine zu Papier gebrachten Eindrücke und Gefühle kann ich voll nach empfinden Auch mich macht es stets sehr zufrieden , ja glücklich , wenn ich meine Geburtsstadt ( viel zu selten ) besuche.Und mir fallen besonders von Besuch zu Besuch permanent Veränderungen ( auch des Stadtbildes ) auf , die dem eigentlichen Bewohner meist nicht richtig bewußt werden. Es sind nicht durchweg nur positive Veränderungen , aber sie machen doch deutlich , dass hier „das Leben und Teiben “ nicht stagniert , sondern wirklich pulsiert.

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