Vernissagen

Im Auftrag der Leonberger Kreiszeitung werde ich recht oft zu Vernissagen geschickt. Das Procedere ist mir als altem Hasen natürlich nicht fremd, ich kann kaum sagen, auf wie vielen Ausstellungseröffnungen ich bereits war. Auch schon, bevor ich über sie schrieb.

Früher waren sie schrecklicher, wenn sich promovierte Kunsthistoriker für ein paar Gulden dazu gequält hatten, Geistreiches und möglichst Unverständliches über Kunst und Künstler abzusondern. „Visuelle Eindrücke und Erfahrungen, künstlerisch gestaltet,  verweben sich in den Arbeiten zu Farbspuren, verknoten und verschlüsseln sich, lösen sich auf und finden wieder zusammen – und bilden so einen endlosen Raum“, ähnliches war in Vorträgen, die mitunter bis zu einer Stunde gehen konnten, zu hören. Bis es endlich den Sekt und die Brezeln gab mußte man sich schon plagen.

Die schlauen Schwaben haben eine Möglichkeit gefunden, das Verfahren deutlich abzukürzen und die Bevorratung an Genussmitteln und hefehaltigen Backwaren überschaubar zu halten. Im Landkreis Böblingen finden die Vernissagen nicht selten am Sonntagvormittag statt. Genau um 11.15 Uhr, also inklusive akademischem Viertel, das man hier eigentlich gar nicht kennt. Gleich der erste Kulturtermin, zudem man mich nach meiner Ankunft in schwäbischen Landen schickte, war eine sonntägliche Eröffnung um Viertel nach Elf. Ich fragte nach, ob ich das richtig gelesen hätte und bekam umgehend die Bestätigung. Aus der Weltstadt Mannheim kommend war ich meistens am Freitag oder Samstag nicht vor allerfrühestens 17 Uhr und wie alle anderen natürlich mit wenigstens einer halben Stunde Verspätung an den Orten künstlerischen Treibens eingetroffen, den Sonntag reservierte man für Frühschoppen oder, wer wirklich intellektuell war, Matineen.

Zu meiner Verblüffung fand ich die frühmorgendliche  Veranstaltungen gut besucht. Lebhaft ging es her, viele hatten schon ihr Glas Sekt in der Hand und schwätzten, was es das Zeug hielt. Begrüßungsworte: fünf Minuten, Einführung: maximal zehn Minuten. Überrascht wollte ich von wissen, was hier vor sich geht und erhielt die doch sehr landestypische Antwort: „11.15 Uhr – das ist nach der Kirche und vor dem Mittag-Essen, da spart man sich das Kochen …“

Der Herr sei mit dir und Prost!

Eure Viola

 

Bild: Detlef Koester