Vergesslichkeit

Man meint, darin den Beginn eines demenziellen Syndroms zu sehen, wenn sich alte Leute deutlich besser an Zeiten erinnern, in denen sie noch jung waren, als daran, was sie zu Mittag hatten. Vielleicht haben wir aber auch vergessen, dass es früher einmal völlig normal war, im Alter vergesslich zu sein, ohne gleich in die Schublade einer bestimmten Krankheit gesteckt zu werden. Tattergreise gab es z.B. auch schon bevor die Parkinsonsche entdeckt wurde.

Nach einem langen Leben, gespickt mit einer Vielfalt von Erlebnissen, die man beinahe gar nicht alle verarbeiten kann, möchte die Psyche eventuell nur das behalten, was einmal schön war. Oder so schrecklich, dass man es damals lieber verdrängte, und nun quasi die Zeit hat, alles aufzuarbeiten.

So zum Beispiel eine Frau, die den 2. Weltkrieg erlebte, und wieder und wieder immer dasselbe erzählt, genau aus dieser Zeit. Eine andere ist vierzig Jahre verheiratet, und denkt an den feschen jungen Offizier, der ihr den Hof machte, bevor sie aus dem Osten rübermachte, dort heiratete und eine zutiefst unglückliche Ehe führte. Nicht nur den Namen wußte sie nach über 50 Jahren, sogar Einzelheiten, wie er den Scheitel trug, und wie seine Schuhe aussahen, all das war deutlich und präsent da. Wo sie aber ihr Kaffeeservice suchen sollte, aufbewahrt seit mehr als vierzig Jahren an derselben Stelle, das wollte ihr nicht gelingen.

Viele alte Menschen bleiben in der Erinnerung stecken, und sehr oft sind diese schön, wie eine Art Balsam für die Seele.
Natürlich will ich jetzt nicht behaupten, Demenz wäre eine rein psychische Angelegenheit, was sie definitiv nicht ist, sonst könnte man beispielsweise sein Gedächtnis nicht trainieren. Es ist eine Krankheit, die in fortgeschrittenem Zustand auch nicht zu heilen ist.

Aber wo beginnt es, dieses Syndrom? Ist es wirklich nur Stress, wenn man sich plötzlich alles mögliche aufschreiben muss, ist es eine überlastete Seele oder sind es etwa doch absterbende Gehirnzellen? Wer beobachtet es und wessen Meinung wird man akzeptieren, wer darf es der Person sagen und wie? Fragen über Fragen!

Solange man heute noch weiß, welches Kapitel im Buch man gestern gelesen hat und seinen Inhalt kennt, ist es wohl noch nicht zu spät. Und wer sich geistig rege und fit gehalten hat in seinem Leben, der hat eine gewisse Chance, auch in höherem Alter noch zu wissen, wo das Weinregal im Keller steht. Und natürlich auch das passende Glas. Außerdem ist es allemal besser, zu vergessen das Bier in der Kneipe zu bezahlen, als es zu verschütten ..Am besten also, man vergisst die Angst vor dem Alter und lebt einfach. Santé!

Eure Viola


Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.