Szene aus meinem Meran-Krimi, umgeschrieben für ein Drehbuch

Eine Leseprobe für euch

 

Ankündigung eines Skandals

Bürozimmer der beiden Kommissare Lolita Mitteregger und Matthias Ohnewein, Mitteregger ist nicht da. Ausstattung wie bereits beschrieben. Über Mittereggers Stuhllehne hängt wie weggeworfen ein orange-gelber Sommerschal, ihr Schreibtisch ist unaufgeräumt. Das große Fenster ist geöffnet, der Himmel färbt sich gerade von blau ins gelbliche ein.

Kommissar Matthias Ohnewein liegt in seinem Dienstsessel und zieht vor Langeweile mit den Füssen die Schubladen der gegenüber stehenden Kommode auf und zu. Seine Unterhaltung mit dem Chef war tödlich gewesen und er wäre am liebsten gleich gegangen. Doch sein Dienst ist noch nicht zu Ende, aber es gibt nichts mehr zu tun.

Ein unbestimmtes Gefühl quält ihn, die Hitze über der Stadt drückte noch dazu, ein Gewitter würde kommen. Es ist windstill und nur der Ventilator rauscht über ihm. Man sieht ihm deutlich an, dass er über den Fall nachdenkt. Er schaut auf Lolita Mittereggers Stuhl, schüttelt unwillkürlich den Kopf. Da läutet das Telefon und es meldet sich Franco Marini, der Carabiniere.

Ohneweins Gesicht erhellt sich, er lächelt. Er ruft laut in den Hörer.

O.: Hoi,Franco, olleweil hab ich an dich gedacht!

M.: Grieß‘ di, Hias. Furchtbar schwül heute, net wahr. Vom Vinschgau kommt es auch schon ganz schwarz hier hineingezogen, das gibt noch was. Toni und Carmine sind sicherheitshalber nach Hause gegangen. Ich bin alleine hier und dachte, ich melde mich mal.

Kurze Atempause

M.: Aber ich ruf dich nicht an, um den Wetterdienst zu spielen, ich habe mir Gedanken um den Tschurtschentaler gemacht, nachdem der Walter hier seine Theorien vorgetragen hat. Das klärt ihr morgen, wie ich hörte. Aber da gibt’s noch etwas anderes.

Marini hält inne und macht eine Spannungspause.

Ohnewein nimmt die Füße aus den Schubladen, richtet sich auf, verändert auch die Haltung des Hörers am Ohr und antwortet gedehnt, aber mit interessiertem Gesichtsausdruck:

O.: Woasch, es bewegt sich nichts. So wie die Luft im Moment. Keiner hat ihn gesehen, den großen Künstler, alle Hinweise hatten falsche Enden, nur die Geschichte mit den Aquarellen, die gibt Rätsel auf.

M.: Nicht nur die, die liebende Gattin selber auch.

O.: Weil die so wenig traurig scheint? Naja, am Anfang war sie zu Tode betrübt, dann wurde sie sehr still, nachdem sie überall Interviews gegeben hatte. Aber was soll sie noch dazu sagen? Sitzt vermutlich zuhause herum und fragt sich, was sie machen soll. Sie tut mir irgendwie ein wenig leid.

Ohnewein ändert seinen Gesichtsausdruck in leicht sorgenvoll, und dreht seinen Stuhl mit dem Unterkörper in Richtung Fenster. Er hört zu.

M.: Hias, ich habe seit ein paar Tagen…

Marini hüstelt, gerät leicht ins Stocken und spricht mit rauer Stimme weiter.

Ohnewein bekommt einen äußerst interessierten Gesichtsausdruck.

M.: Äh, nun, also eine kleine Liebelei mit der Rosi Rosar, der Sekretärin vom Mair Martin, dem Chefredakteur vom „Rosengarten“.

Ohnewein lacht laut und schallend, setzt sich zuerst wieder aufrecht und lehnt sich dann feixend zurück. Seine Beine stehen weit auseinander.

O.: Du kannst aber wirklich nicht die Finger von runden Brünetten lassen, oschpele! Und?

M.: Lass‘ mich doch einfach einmal ausreden, Maestro! Also, sie ist schon süß, die Deitsche, wenn sie nicht immer so ernst wäre. Aber, und deswegen funke ich dich an, sie hat mir was erzählt. Morgen kommt der „Rosengarten“ mit einer Titelstory über die Ganthalerin heraus, und der ist Zündstoff.

Ohnewein prustet legt die Beine auf den Tisch. Er rollt die Augen nach oben und nimmt gleichzeitig seinen Kuli in den Mund, beißt ein wenig darauf herum und legt ihn dann zurück auf die Schreibtischplatte. Er spricht ein wenig undeutlich, weil er lachen muss.

O.: Sie war’s, sie ist ihm mit ihrem Hund, in Bergschuhen und einem Navi hinterher und hat ihn hinterrücks in eine Gletscherspalte geworfen. Motiv: Eifersucht und Neid, weil er in der letzten Zeit mehr Erfolg hat als sie. Basta, finito. So einfach ist das!

Marini ist verärgert und genervt.

M.: Was ist heute mit dir los, hat dich deine Alte gestern nicht dran gelassen?

Ohnewein stellt sofort sein süffisantes Grinsen ein und setzt sich wieder kerzengerade in seinen Dienstsessel. Er befürchtet nun, die ganze Stadt wüsste bereits, dass es um seine Ehe nicht gut bestellt ist und macht ein missmutiges Gesicht. Mit der rechten Hand, den Hörer hält er in der linken, umklammert er kurz die Lehne, lässt diese dann los und legt die Hand auf den Oberschenkel, er konzentriert sich.

O.: Va bene, was hört man also?

Marini bietet sich nun die Gelegenheit, zurückzuschießen. Man hört ihn lachen.

M.: Über dich oder über die Magdalena? Der „Rosengarten“ will herausgefunden haben, dass die Signora ihre neue CD, die Plakate hängen ja schon überall herum, „Sonnenschein fürs Herzilein“, gar nicht selbst eingesungen hat. Angeblich soll sie seit längerer Zeit Probleme mit ihrer Singstimme haben. Eine junge Gitsch vom Pichlerhof in Wolkenstein hätte geträllert.

Ohnewein ändert zum ersten Mal sein Pokerface und ist erstaunt. Er bleibt aufrecht sitzen und hört aufmerksam zu.

O.: Porca Miseria, aber die spricht doch ganz normal, veramente? Kann das sein?

M.: Jetzt reagierst grad wie alle anderen auch. Wer sagt denn, dass es stimmt? Du kennst doch die Presse! Morgen hat es der „Rosengarten“, übermorgen steht es in sämtlichen anderen Gazetten, auch den italienischen!

O.: Sicher, Franco, sel stimmt schon, doch der „Rosengarten“ würde sich sowas nicht trauen, wenn nicht irgendwas dran wäre. Die wären ganz schnell dran wegen übler Nachrede. Auf der anderen Seite: es bleibt immer was hängen, geschadet hätten sie ihr auf alle Fälle. Und du weiß so gut wie ich, der Neid auf erfolgreiche Leute ist hier genauso groß wie in Deutschland – wenn man eben nicht „adabei“ ist.

Ohnewein grübelt.

M.: Schaug, gesetzt den Fall, es wäre etwas dran, und irgendwas muss dran sein, wer hätte denn am meisten von der Geschichte? Denk‘ mal genau nach! Wie heißt es so schön im Show-Geschäft: any PR is good PR. Die Ganthalerin ist kein so strahlender Stern mehr wie vor einigen Jahren…

O.:Du meinst, sie hat das Gerücht selber in die Welt gesetzt? Das wäre aber dann ihr Schlagertod, die verkauft danach keine einzige Platte mehr, tritt nicht mehr auf, das wär‘s komplett.

M.:Nein, da hast du Recht. Sie würde wohl kaum eine CD faken, um dann genau das an die Presse zu verkaufen, außer, sie ist inzwischen irgendwie wahnsinnig geworden, was ich nicht glaub. Dazu ist die einfach zu clever. Das sagt mir mein hübscher Bauch.

Ohnewein schaut nach diesen Worten unwillkürlich auf seine rundliche Kugel. Er macht ein etwas unglückliches Gesicht, und zieht unwillkürlich sein Sommerhemd ein Stück aus dem Gürtel, als könnte er damit das Bäuchlein verstecken. Dann antwortet er

O.:Kollege, lass‘ das mal bei mir sacken. Du bist brilliant, wie ich es immer wusste und weiß. Aber das wäre ein dicker Hund, was du da andeutest. Darüber muss ich nachdenken!

Ein greller Blitz durchzuckt von der Texelgruppe kommend scheinbar die ganze Stadt.

Matthias erschrickt.

O.:Es geht wohl los, Franco, ich leg‘ mal auf, man soll ja nicht beim Gewitter telefonieren. Darf ich dich vielleicht heute Abend mal anläuten oder wirst du beschäftigt sein?

Plötzlich scheint der Boden zu beben, so stark erschüttert ein Donnerschlag die Luft. Marini merkt man an der Stimme seine leichte Angst vor Alpengewittern an.

M.: Si, si, melde dich, Rosi hat heute Mädelsabend, ruf ruhig an. Wir müssen unbedingt darüber reden. Ciao Ciao.

Er legt auf.

Es ist inzwischen draußen stockfinster geworden und Regen setzt ein. Ohnewein kramt in Windeseile seine Siebensachen zusammen und verlässt das Polizeigebäude.

Man sieht ihn in prasselndem Regen in Richtung seiner Lieblingsbar laufen. Dort noch ein kurzer Schwenk hinein, wie er vor einem Teller Antipasti sitzt und bereits einen Kelch mit einem sehr dunklen Rotwein genüsslich schwenkt.

Er beschließt sich aufzuwärmen. Nicht ohne auch gleich ein paar von den leckeren Antipasti dazu zu bestellen, die sie hier immer frisch hatten.

Von Meran war nichts mehr zu sehen. Hias versank wie die Stadt im Starkregen hinter dem Lagrein, dem noch etliche Gläser folgten und vergaß später, seinen Kollegen anzurufen.


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