Scham

„Fremd geschämt“ (was für ein Wort) hat sich sicher schon jeder einmal:

sei es als Teenager für seine Eltern, als Gatte über die nimmer müde quasselnde Ehefrau, über die beste Freundin, die gerade lauthals über ihren Chef ab lästert, der gerade hinter ihr steht und die eigenen Grimassen fehl deutet, oder als gewiefter und nicht-tot-zu-kriegender Allesgucker für Fernsehstars und Sternchen. Oder noch viel besser, für die, die es gerne wären. DSDS habe ich nie geschaut, allein schon, weil ich Dieter Bohlen wirklich gruselig finde, früher Dschungel Camp ab und zu wegen meines Sohns und wegen Dirk Bach, und auch Bauer-sucht-Frau etc. finde ich nicht richtig lustig.

Scham-empfinden ist nach meiner persönlichen Interpretation auch etwas völlig anderes, z.B. für Familienmitglieder, die ihre eigenen Verwandten ohne Not sinnbildlich am ausgestreckten Arm verhungern lassen, weil sie selber klein, dumm und schwach sind. Wie mir aber in den letzten Wochen nachhaltig beigebracht wurde, schreibt die besten Geschichten sowieso nicht das Leben, sondern der Kopf. Trotzdem: in einem Facebook-Thread unter einer Statusmeldung meiner selbst entwickelte sich kürzlich die Idee des „Betreuten Schämens“, der neue Beruf eines „Schäm-anen oder -anin“, und der vorzügliche Vorschlag, eine Gruppe zu gründen, inklusive Stuhlkreis, um das gemeinsame Schämen zu üben, zu diskutieren und zu betreuen.

Auch ein Institut sollte nach dazu entworfen werden. Diese Ideen fand ich so entzückend, dass ich sie niemandem vorenthalten möchte. In diesem Sinne ein glückliches, erfolgreiches und scham-und schämfreies 2015.

Eure Viola

Bild: aus der „Frommen Helene“ von Wilhlem Busch


Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.