Quälgeister

Statt Herbstnebel und öder Kahlheit blattbefreiter Laubbäume vor matschiggrauem Himmel lächeln uns seit Tagen Buntheit und Sonne zu.

Ein allerletztes Aufleuchten, eine kleine Reminiszenz an den längst vergangenen Sommer. Wir hatten es gut im Süden, zu dem Mannheim ja gehört. Ein goldener Oktober, warmes Wetter selbst Anfang November. Müde bettet man sein Haupt nach einem arbeitsreiches Tag ins Kissen, schläft auch sogleich ein und träumt etwas Süßes, da passiert es: Es sirrt verdächtig vor dem offenliegenden Ohr herum. Ein sehr bekanntes Geräusch, ähnlich angenehm dem Bohrer des Zahnarztes. Das darf doch nicht wahr sein. Sofort ist man wach.

Eine Schnake, in meiner Heimatstadt Mainz auch blumig „Bohrhammel“ genannt. Er fliegt und surrt, nein, nicht etwa an anderen freiliegenden Körperteilen, es muss schon das Ohr sein, wo sonst? Unwillkürlich fährt die Hand nach oben, und man schlägt voller Wucht in die Richtung, aus der das Ungeheuer tönt. Natürlich wurde der Quälgeist nicht getroffen, sondern nur die arme unschuldige Wange. Warum sich nicht auch einmal selbst ohrfeigen, genug Blödsinn hat man ja schon gebaut …Aber zunächst ist Ruhe.

Nein, das Licht wird nicht angemacht, sondern, da mitten in der Nacht und morgen ein Haufen Termine, versucht, weiter zu ruhen. Das währt nicht lange. Sssssssss tönt es süß, und wo: natürlich wieder direkt vor dem Ohr. Hatte man dem Folterknecht schon todesmutig ein Stück Bein aus der Bettdecke herauslugen lassen – bitte sehr, dann nimm eben dies, ja, beiß dich fest, sauge mich aus, du Höllenhund – in der Hoffnung, noch ein wenig Ruhe zu finden, so muss man die Erfahrung machen, das Viech weiß sehr genau, wie es einen zur Weißglut bringen kann. Was habe ich bloß in meinem letzten Leben verbrochen? Ssssssss, kurzes erbostes Kopfschütteln brachte natürlich auch nicht den erwünschten Erfolg, und schon turnt man bei Festbeleuchtung wütend auf seinem Bett herum und sucht die Wand ab.

Wo bist du, Satansbraten, zeig dich. Nö, denkt der, erst legst du dich wieder hin und löschst das Licht. Um die Erholung der Nacht gebracht wird man am nächsten Tag ein Gesicht waschen, das man nicht kennt, zum Schminktopf greifen, um die dunklen Ringe zu übertünchen und die letzten goldenen Herbsttage noch einmal bedenken – hoffentlich schneit es bald!

Eure Viola


1 Kommentar

  1. Gut geschrieben. Du solltest Bücher schreiben.
    Ach so, hast du ja. :-)

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