Mannheimer Wissenschaftlerinnen

Zum Glück sind Frauen in der Forschung keine solchen exotischen Vögel mehr wie einst, dennoch sind gerade bei den Naturwissenschaftlerinnen und im IT-Bereich noch immer Defizite zu beklagen.

Seit vielen Jahren schon steigt der Anteil der weiblichen Studierenden, während der Anteil an Professorinnen immer noch lächerlich gering ist. In der Wirtschaft sieht es ein wenig besser aus für Frauen, die Karriere machen wollen, wenn auch zögerlich. Besonders bei den Naturwissenschaften übersteigt die Zahl der Männer nachwievor die der Frauen erheblich.

Gehen wir ein paar Jahrzehnte zurück in die achtziger Jahre, so war eine Physikstudentin noch ähnlich exotisch damals Marie Curie. Obwohl es gerade in dieser Forschungsrichtung schon lange vor dem Jahr 1900 Frauen gab, als Beispiel sei hier Émilie du Châtelet, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts an Voltaires „Elemente der Philosophie Newtons“ beteiligt ohne Nennung ihres Namens im Titel, genannt, verbindet die Öffentlichkeit mit Physik meist Männer.

Mannheim gilt als innovativ, ist es das auch in diesem Bereich? Dieser Frage wollen wir nach gehen, und einmal im Monat einige der Wissenschaftlerinnen vorstellen, die hier leben und arbeiten. Und damit diese Stadt noch ein bisschen bunter und gleichberechtigter machen.

LG Viola

Beginnen möchte ich hier mit Susanne Lindauer:

 

Sterne gucken und Muscheln suchen – die Physikerin Susanne Lindauer

„Es ist eigentlich unmöglich, weil ich noch viel zu klein war, aber ich habe eine dunkle Erinnerung an die Mondlandung von 1969. Und sie faszinierte mich sofort“, erzählt die – beinahe Astrophysikerin Susanne Lindauer, die im Forschungszentrum an den Reiss-Engelhorn-Museen arbeitet. Geboren wurde sie 1966 und hat einen erwachsenen Sohn. Ihre Mutter lebt ebenfalls in Mannheim. Lindauer ist waschechte Mannheimerin, aufgewachsen auf dem Lindenhof, mit Schweizer Anteilen. „Manchmal bedauere ich, dass ich kein Schwitzer Dütsch kann“, lacht die hübsche Frau, deren Mannheimerisch dafür perfekt ist. Der Mensch auf dem Mond, das unklare Bild im Kopf eines Kindes wurde dann plötzlich wieder sehr deutlich, als der Teenager durch Zufall eine Wiederholung im Fernsehen und sofort gebannt war. Hatte sie schon als kleines Mädchen wissen wollen, „was dahinter ist“, so stand jetzt fest, Sonne, Mond und Sterne würden aus ihrem Leben nicht mehr weg zu denken sein.

„Mein Interesse war gleich von der Idee entzündet, wie weit man in die Vergangenheit gucken kann“, erklärt Susanne Lindauer ihr Faible für Astrophysik, die sie später auch studierte. Vorher waren schlagartig die Noten in Mathematik und Physik besser geworden, denn „wenn man sich für etwas interessiert, lernt man besser“. Hinzu kamen Projekttage am Karl-Friedrich-Gymnasium über Astronomie. Lehramt war nie meine Option“, verrät die Forscherin, „ich will nicht nur erklären, ich will selber Fragen stellen“.  Das Studium begann sie in Heidelberg. Frauen waren damals noch eine Seltenheit in der Astronomie, von 150 Physikstudenten war ein Zehntel weiblich. Es gab keine Dozentinnen, Sticheleien durch  manche Professoren mussten ausgehalten werden. „Sehr gute Erfahrungen habe ich allerdings mit der Sternwarte auf dem Königstuhl gemacht, bin Mitglied im Förderkreis und helfe gerne bei Tagen der Offenen Tür aus“, freut die Hobbyhistorikerin. Denn ihr liegen die alten Häuser und Mannheims Geschichte am Herzen liegen, weswegen sie sich unter anderem, aber besonders auch im Förderkreis historischer Grabstätten Mannheim e.V. engagiert, wo sie Schriftführerin ist und alle alten Grabmäler neu erfasst.

Manche Menschen verfügen über schier unerschöpfliche Energiequellen, denn Susanne Lindauer betritt bereits vor sieben Uhr morgens das Datierungslabor, nachdem die Hunde am Rhein Gassi geführt werden. Dazu meint die Tierfreundin und engagierte Tierschützerin mit einem Lächeln: „Die Haltung von Haustieren reduziert Stress ungemein, das ist sogar wissenschaftlich erwiesen“. Zurück nach Mannheim kam sie vor sechs Jahren. „Ich unterbrach 1989 das Studium in Heidelberg, bekam dann meinen Sohn, und ließ mich zur physikalisch-technischen Assistentin ausbilden“, berichtet  sie. Danach arbeitete sie  dreizehn Jahre als Technikerin an der Akademie der Wissenschaften, Forschungsstelle Archäometrie wo sie ihr Studium an der Open University Milton Keynes, falls Du das erwähnen magst nebenher wieder aufnahm und beendete. Die Förderdauer lief aus 2006 aus, sie wurde intern zur Forschungsstelle Radiometrie versetzt, die C 14 Datierungen durchführte. Dank eines fortschrittsinteressierten Vorgesetzten, den REM und Stifter Klaus Tschira wurde in Mannheim der Datierungszweig aufgebaut, wo die Wissenschaftlerin nun die Proben von Kollegen weltweit datiert und, als externe Doktorandin, über den marinen Reservoireffekt der arabischen Halbinsel forscht.

Da sie parallel zur Arbeit bereits in Heidelberg ihr Studium wiederaufgenommen und mit Auszeichnung beendet hatte, promoviert sie zurzeit, auch wieder nebenher, an der TH Darmstadt. Sie lebt nun wieder „zuhause“ und fühlt sich pudelwohl. „Mannheim ist meine Heimat, die ich sehr liebe. Ich mag die Buntheit, das Multikulti, das sich im Interdisziplinären widerspiegelt. Das entspricht mir und meiner Neugier“, lacht die lebensfrohe Frau. Oft ist sie beruflich in orientalischen Ländern unterwegs, wo man ihr stets mit hoher Achtung entgegentritt. „Arabisch lerne ich auch noch, sobald die Abendakademie einen entsprechenden Kurs anbietet“, das sei gewiss. Inzwischen schaut sie sich gerne die schönen Häuser in der Ost- und der Gartenstadt an und sucht sich in Gedanken ein Domizil aus. „Eines, in dem der erste Stock immer meine Bibliothek sein würde“, in denen sie ihre alten Ausgaben und Editionen unterbringen könnte, eine weitere Leidenschaft. Und manchmal werden ja auch Wünsche wahr.

 

Infobox Reservoireffekt

Der Reservoireffekt spiegelt die unterschiedliche Verweildauer von Kohlenstoff (messbar an radioaktivem C14 Isotop) in den unterschiedlichen vorkommenden Reservoiren wie Atmosphäre, Pflanzen, Meer. Die höchste Verweilzeit mit bis zu 1000 Jahren liegt im Meer, das auch die grösste Menge an Kohlenstoff aufnehmen kann. Je nach Meeresströmung gelangt dieses alte C14 an die Oberfläche (Aufwärtsströmung)  wie im Indischen Ozean oder der Arabischen See, die ei Teil des Indischen Ozeans ist. Lebewesen/Organismen, die in diesem Reservoir leben, wie Fische, Korallen, Muscheln, nehmen diesen alten Kohlenstoff auf wie wir den atmosphärischen (durch Atmen, Nahrung, Trinken) und erscheinen somit, wenn man ihr Alter mit C14 misst, älter zu sein, als sie tatsächlich sind.

Um dieses Reservoiralter korrigieren zu können, benötigt man terrestrisches Material, als z.B. Knochen, Holz, Holzkohle, Blätter, Samen. Kurz Material, das ausschliesslich atmosphärischen Kohlenstoff einlagert. Das Reservoiralter ist jedoch nicht für alle Organismen gleich, da jeder Organismus seinen eigenen Weg hat den Kohlenstoff einzulagern. Manche Meeresschnecken, wie die von mir untersuchte Gastropode Terebraliapalustris (auch mudwhlek genannt), die in den Mangroven lebt, ernährt sich von den Blättern der Mangrove und mischt somit marine und atmosphärische Einflüsse. Die andere Spezies meiner Untersuchung, Anadarauropigimelana, ist eine Art Herzmuschel, die gerne Plankton nascht und sich im Sand bei und in den Mangroven eingräbt. Allein durch die Ernährung ist abzusehen, dass die Reservoiralter unterschiedlich sind, was ich auch zeigen kann. Man kann sie aber auch benutzen, um zu schauen, wie sich die Ozeanströmungen in einem Gebiet verändern über die Zeit. So haben wir beide Spezies an einer Stelle bei einer Mangrove beprobt, wo es Muschelhaufen gibt, die noch aus dem Neolithikum stammen, sowie aus dem angrenzenden Ort Kalba, wo eine Bronze-Eisenzeitliche Siedlung ausgegraben wurde. Hier konnten wir sehen, dass der Reservoireffekt in der Bronzezeit deutlich niedriger ist als im Neolithikum. Aus Arbeiten von Kollegen an Sedimenten von Seen und Stalagmiten aus Höhlen können wir sehen, dass am Ende des Neolithikums die Gegend deutlich arider, also trockener, wurde und der Meeresspiegel sank. Insofern hat sich wohl auch die Ozeanzirkulation verändert und weniger alten Kohlenstoff an diesen Zipfel der arabischen Halbinsel gebracht. Wenn wir uns die Muschel genauer anschauen, also die Schalen längs schneiden und beproben für stabile Isotope (C13 und O18), können wir sogar erfahren, wann die Mangrove Frischwasser aus den Wadis bekam und welche Temperaturdifferenzen sie das Jahr über hatte. Zudem kann man das Alter der Muscheln bestimmen, was bei normalen Muscheluntersuchungen meistens nicht gemacht wird, für unsere Zwecke aber essentiell ist.

Abgesehen von der Anwendung für Archäologie und Paläoklima kann man hiermit natürlich auch das moderne Ökosystem zwischen Mangroven und ihren Bewohnern untersuchen. Die Mangroven werden gerade in Zeiten des Klimawandels mit steigenden CO2 Gehalten in der Luft weltweit (auch in Deutschland) wichtig, da sie ebenfalls viel Kohlenstoff speichern können. Wir sollten daher schauen, dass wir diese Ökosysteme schonen und erhalten bzw ihre Existenz sichern und fördern. Die arabische Halbinsel hat noch einige Mangrovenwälder, die aber sowohl durch die Irakkriege sehr in Mitleidenschaft gezogen wurden, aber auch mit den Umweltschäden zu kämpfen haben. Mittlerweile richten auch die Emirate Naturschutzgebiete ein, um die Mangroven zu schützen. So ist zum Beispiel Kalba grossräumig eingezäunt und auch für Wissenschaftler nur mit grossem Aufwand zugänglich.

(Text und Foto: Susanne Lindauer)


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