Heiligsblechle

Vor Ostern habe ich in meinem schwäbischen Dorf zusammen mit meinem schwäbischen Ehemann meine erste Kehrwoche vollbracht. Nicht, dass da noch jemand auf falsche Gedanken kommt in einer Gegend, die jahrelang von Pietisten bestimmt und hier im Speziellen sogar von Waldensern gegründet wurde.

Von den Nachbarn wohlwollend beäugt fegten wir also keineswegs nur den Bürgersteig vor unserem Haus – von mir fälschlicherweise als kehren interpretiert. Nein, „Kehrwoche-machen“ bedeutet deutlich mehr als den Besen schwingen. Die Kehrwoche ist zutiefst schwäbisch, sie ist genetisch festgelegt, kein echter Württemberger fühlt sich ohne wöchentlich vollzogene Reinigung der Außenbereiche vor Haus und Hof bereit fürs Wochenende. Dabei gilt es zu beachten, dass genau dieses passiert: die Beachtung.

Kehrwoche ergibt nur dann Sinn, wenn auch alle sehen, bemerken, dass geschafft wird. Ein kräftiger Windstoß führte in unserem Falle dazu, dass einiges des längst überfälligen trockenen Laubs über die Straße vor die Hausmauern unseres Nachbarn geweht wurde. Übrigens erzählt der letztens meinem Sohn und mir im Vertrauen, dass sie im Nachbarort Hund verspeisen würden, der Bürgermeister würde dies aus Publicitygründen zwar verleugnen, aber alle wären im Bilde. Unklar blieb, ob er das wirklich glaubt oder in uns beiden neue Opfer für seine Verschwörungstheorien sah. Zurück zum Thema.

Der mitteilungsbedürftige Nachbar sah sich aufgrund der neuen Sachlage genötigt, nun auch eine kleine Kehrwoche durchzuführen und guckte gar nicht freundlich. Viel hätte nicht gefehlt, und er hätte geknurrt – aber dann… Wir ersparen uns weitere Überlegungen. Nach dem intensiven Fegen, wofür sämtlich Kleinfahrzeuge, von denen der Gatte nicht eben wenige besitzt, sorgfältig zur Seite und dann wieder ordentlich auf ihren Platz geräumt worden waren, rückten wir dem Moosbelag zuleibe. Ein spezielles Werkzeug kam aus den Tiefen der vollgestellten Garage zu Tage, antik sozusagen, denn es stammte aus Eisenbahnbeständen und wurde vor knappen hundert Jahren von einem der Vorfahren zum Reinigen von Gleisen und Gleisbett benutzt. Schließlich schmeisst man hier nichts weg!

Ein langer Besenstiel mit einer länglichen kurzen Hacke, und funktionierte ausgezeichnet. Schwäbische Wertarbeit eben. Nicht zu vergessen den Löwenzahn, der sich über die Jahre durch nicht sachgemäß oder überhaupt nicht stattgefundene Kehrwochen munter hatte vermehren können, die Grasbüschel und sonstiges Blattzeugs, die es nun zu entfernen galt. Was von mir für circa 30 Minuten gedacht war zog sich über Stunden hin. Doch dem war nicht genug, danach ging es erst richtig los, im Grünen. Denn in Schwaben gibt’s die Kehrwoche sogar im Garten!

Eure Viola

Bild © Detlef Koester