Die Herrscherin vom Neckartal

Eines Tages wollte der Champagner im Glas der Kaiserin nicht mehr richtig perlen. „Ziegelchen“, schrie sie durch den Palast, auf dass es hallte aus allen Ecken und Enden, „Ziegelchen“ … Schnell wuselte ein kleines Männlein herbei, in gebückter Haltung, mit viel zu großen Schuhen an den Füßen, alten, ausgebeulten Hosen und einem Gesicht, das in Falten gelegt schien. Sein von Geburt an schiefes Gesichtchen schien stets zu lächeln, was ihn schon oft in Kalamitäten gebracht hatte, denn er war eigentlich ein recht ernster Mensch. Und er war der Leibdiener der Kaiserin – er war schon der Leibdiener ihrer Mutter gewesen, die stets im Rausch des Champagner wandelte, deren Großmutter, der Urgroßmutter – ja, eigentlich war er schon immer da gewesen, immer alt, immer verbeult, immer lächelnd. So schnell er konnte, verließ er sein Kämmerlein und humpelte mehr als dass er lief, zu seiner Gebieterin. Sein Gang war dabei so komisch, dass die übrigen Bediensteten heimlich hinter seinem Rücken lachten, sobald er vorbei geschlurft war. Da sie dumm waren, glaubten sie, er merke das nicht, aber so krumm und hässlich er auch war, verfügte er doch über magische Kräfte.

Nicht zuletzt ihm war es zu verdanken, dass der weibliche Teil der Regentenfamilie immer von ausgesuchter Schönheit war, und das war auch bis ins hohe Alter so geblieben. Dieses Geheimnis wurde jedoch gewahrt, und keiner konnte es sich so recht erklären, warum die Kaiserinnen zwar älter, auch faltiger und ein wenig voller wurden, ihre Anmut und ihren Liebreiz aber nie verloren. Die amtierende Herrscherin jedenfalls hatte Gerüchte streuen lassen, sie kämpfe in Vollmondnächten mit einem Flussgeist, als Kriegerin einer mächtigen Armee von starken Fischerinnen, der sie vorstand. Hatte sie alle Nebel, die den hellen Palast am Berge zu verdunkeln suchten, verscheucht, waren ihr weitere Jahre in Schönheit und Pracht gewiss.

In ihrem lieblichen Land, durchzogen von Auen und sanften Hügeln, stellte dies nie ein Problem dar, doch manch böser Magier aus benachbarten Provinzen machte ihr zu schaffen. Der eine hielt um ihre Hand an, und zauberte, als sie ihn empört abwies, die Regenhexe herbei, mit der er weitläufig verwandt war. Am nächsten Vollmond regnete es in Strömen, doch das strahlende Antlitz der Kaiserin, das wie eine glänzende Rüstung schimmerte, vertrieb die böse Hexe, und alles war gerettet.

Noch hartnäckiger war ein sehr alter Gnom, der weit weg in einer gefährlichen Schlucht lebte, ein früherer Verehrer ihrer Mutter schon. Täglich schickte er üble Depeschen, ließ öffentlich in Zeitungen verkündigen, was für einen schlechten Charakter die Kaiserin habe, und ihre Mutter stets nur im Vollrausch anzutreffen sei. Er hoffte dadurch, ihre Kraft und ihre Stärke, die sie als Kriegerin brauchte, schwächen zu können, damit sie nicht mehr kämpfen könnte – und damit alt und hässlich würde, so wie er. Doch auch er verlor, denn sie focht seine Bösartigkeit nicht an, ihre weibliche Urmutterkraft war ihm haushoch überlegen.

All diese Angriffe wirkten aber aus einem ganz besonderen Grund nicht: Das Turnier im Licht des Mondes war gar nicht der Grund für ewig währende Schönheit der Kaiserinnen, sie perlte aus einem anderen Quell. Vor über hundert Jahren, so jedenfalls meinte man im Schloss, war ein kleiner Mann mit einem riesigen Ziegenbart auf einem ehemals prächtigem Zelter gekommen, den sie als dann Ziegelchen nannten. Wie und was ihn an ihren Hof verschlagen hatte, wurde nie ergründet. Nur eines war gewiss: er konnte unglaubliche Mengen an Wein trinken. Und er brachte ein Geheimnis mit sich. Er wusste, wie man Perlen in den Wein zauberte, der dann noch viel angenehmer auf den majestätischen Zungen blubberte. Einmal gekostet, wollten die hohen Damen das kostbare Getränk nicht mehr missen, und so gingen sie auf den Vorschlag des Alten ein.

Er durfte bleiben, solange er wollte, er durfte soviel Wein trinken, wie er konnte, und dafür zauberte er dem kaiserlichen Geblüt seinen besonderen Saft. Und weil sie ihm dazu noch Kost und Logis und alle Freiheit, die er brauchte, freiwillig anboten, schenkte er den grazilen Frauen noch eine ganz besondere Gabe dazu: mit jedem Gläschen, das sie vom perlenden Wein tranken, blieb ihnen ihre Anmut eine Stunde länger erhalten, es musste aber sein Wein sein, ein Champagner mit feinen Perlen, nicht zu süß. Alle hohen Frauen hatten sich an diese Weisung gehalten, waren deswegen ein wenig verschrien, was sie wenig kümmerte. Und sie achteten stets darauf, den richtigen sprudelnden Wein im Schloss zu haben.

An diesem Morgen wollte nun die Kaiserin ihr erstes Gläschen nehmen, als ihr auffiel: da fehlen die Perlen. Sie rief gellend nach Ziegelchen, und er eilte sofort zu ihr. „Majestät?“ „Schau, Ziegelchen, schau … was ist das nur“, hauchte sie mit ersterbender Stimme und hielt ihm ihren goldenen Kelch entgegen. Ziegelchen prüfte, nahm einen Schluck, ließ ihn über die Zunge rollen, kostete und lächelte dann. „Meine Kaiserin, vielleicht habt Ihr gestern mit der Frau Mutter doch ein wenig zu viel an der Zukunft gearbeitet,“ erwiderte er, „das ist mein Gebräu, doch es ist von heute Nacht, Ihr habt die letzte Flasche nicht mehr ausgetrunken, und nun ist es ein wenig abgestanden. Aber das ändert nichts an seiner Wirkung!“ Er nahm den Kelch, verneigte sich in ihre Richtung, und trank ihn in einem einzigen Zug aus. Kurz lief ein güldener Schimmer über ihn, und er wirkte für einen Tag jünger. Mit seinem sehr seltsamen Lächeln verabschiedete er sich, und ging rückwärts, sich verbeugend, aus dem Schlafgemach der jüngeren Kaiserin. Hm, dachte diese, so, na dann, zog an der Glockenbordüre und bestellte umgehend eine frische Flasche Champagner, denn dringende Tagesgeschäfte warteten auf sie.

Ziegelchen aber lief in seine Kammer, zog die Maske von seinem Gesicht und ward ein junge Mann, der heimlich, still und leise der Kunst des Sekt-Machens nachging, der knackige Winzer, den die Kaiserin immer heimlich aus ihrem Fenster beobachtete, wenn er die Fässer über den Hof in den Keller rollte..besonders gerne im Sommer, denn da arbeitete er gerne oben-ohne. Es hieß, er habe eine große Liebe zur Musik und würde nachts dem werdenden Champagner gar wundervolle Kompositionen vorspielen, um diesem zu seiner Zauberkraft zu verhelfen. Ziegelchen verriet aber nichts, und so wurde er unsterblich als der Meister der Wellen und Noten und der daraus perlenden Jungbrunnen.