Der Strebergarten

Der holde Mai lässt gerade alles blühen, die Eisheiligen haben sich wieder ins No Go Area verzogen und der Juni steht mit all seiner Rosenpracht vor der Tür. Von überall kreucht und fleucht es, am Feierabend brummen die Rasenmäher. Leichte Kleider und kurze Röcke flanieren über Wege und Straßen, Myriaden von Steckmücken gefällt das.

Nase und Augen indes bleiben geschwollen, sanfte Rauchschwaden und Gerüche nach verbrannter Bratwurst wollen nicht so recht in die Idylle passen, die Wochenende für Wochenende im Reich der Vorstadtgärten zelebriert wird. Dass der Rasen sorgfältig geschnitten ist stellt die geringste aller Übungen dar und gehört zu Grundpflichten eines jeden deutschen Gartenbesitzers. Natürlich wird sorgfältig beobachtet, ob und wie der Nachbar mit seinem Stück Grünfläche verfährt, denn bei Zuwiderhandlung – sprich Wildwuchs – kann man hierzulande sogar klagen.

All das ist aber nur das Vorspiel zur grandiosen eigentlichen Show: die Pflanzen, Blumen, Teichlein und Inhalt bis zu den Sträuchern und Bäumen, nicht zu vergessen die Form der Beetanlagen und Wahl der Töpfe, die die Veranda oder Terrasse schmücken. Bereits ab Februar hat die Samen- und Düngerindustrie via Werbung den besorgten Bürger über die Notwendigkeit des besten Gartens hingewiesen, inklusive Neuigkeiten in Sachen Geräte und natürlich des Hausherrn bestes Stück, den Rasenmäher. Ohne den geht gar nichts. Undenkbar, man würde ihn nicht schon in weiter Ferne hören können, mit wieviel Inbrunst und Andacht das zarte Gras in die angemessene Höhe gestutzt, notfalls mit der Nagelschere korrigiert wird.

Vor der Bepflanzung wurden monatelang Kataloge on- und offline gewälzt, nun ist es endlich soweit. In den angesagtesten Styles der Saison schillert und explodiert es von Zaun zu Zaun, in gewissenhaft geputzten Brünnlein tummeln sich bunte oder goldene Fische (Koikarpfen sind wieder out), exotische Düfte verpesten das Aroma und den einzigartigen Geruch der Handlung, die wirklich heilig ist: das Grillen. Ein absolutes must-have eines jeden Gartenbesitzers, je größer desto besser.
Und die Nebenwirkungen der allwochendlichen Feuerzeremonie können sich durchaus fruchtbar auf den Inhalt der bunten Beete auswirken: Urin und Erbrochenes sollen höchst ertragreich sein.

Eure Viola

Illustration: Alexandra Navrade


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