Der Heidelberger Grafiker Klaus Staeck

Genie und Genius Loci – Der Heidelberger Grafiker Klaus Staeck ist Präsident

Eigentlich hatte er gar nicht gewollt, da sowieso schon genug zu tun, aber dann ist es doch passiert: Am 29. April 2006 wurde der Heidelberger Grafiker Klaus Staeck als einer der profiliertesten und gefragtesten Plakatkünstler Deutschlands auf der Mitgliederversammlung überraschend zum neuen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste gewählt. Im Gespräch waren auch die Filmregisseure Jürgen Flimm und Volker Schlöndorff und der Soziologe Wolf Lepenies. Er ist Nachfolger des zurückgetretenen Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg, Vizepräsidentin wurde Nele Hertling. Staeck ist seit 1990 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste Berlin (Ost), Sektion Bildende Kunst, seit 1993 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, Abteilung Bildende Kunst, deren stellvertretender Direktor er von 1997 bis 2006 war.

Die Akademie ist eine Einrichtung, die in ihrer Funktion nicht unumstritten ist. Zum Beispiel wird ihr gerne vorgeworfen, sich nur um eigene Belange zu kümmern und dann eigentlich nur Belangloses zu präsentieren (Peter Körte, FAZ). Warum wird aber dann ein nationaler Quergeist wie Klaus Staeck sogar ihr Präsident? Die Geschichte des Hauses ist alt, gegründet hat sie 1696 in Berlin der Vater des „Alten Fritz”, zuerst als Schule. Zunächst sollte sie die kulturelle Entwicklung der armen und rückständigen Provinz Brandenburg fördern und der höfischen Repräsentation durch „allgemeine Kunstverbesserung“ dienen und war außerdem höhere Lehranstalt für die akademische Mitgliedergesellschaft und Beratungskommission des Hofes in Kunstfragen. Im Geist der Aufklärung wurde sie Ende des 18. Jahrhunderts erneuert.

In dieser Zeit entstand auch die Sektion für Musik. Allmählich bildeten sich eigene Institutionen heraus – sie befinden sich heute unter dem Dach der Universität der Künste. Unter Präsidentschaft Max Liebermanns wurde sie zum Ort der Auseinandersetzung um die Moderne und dadurch für ganz Deutschland eine sehr wichtige Kultureinrichtung.1926 wurde schließlich als letzte die Sektion Dichtkunst gegründet. Während der Zeit des Nationalsozialismus konnte die Akademie der Künste mit ihren Sektionen aufgrund der Gleichschaltungspolitik des NS-Staates nur dem Namen nach weiterexistieren. Nach dem II. Weltkrieg wurden Akademien in der DDR und in West-Berlin neu gegründet, im Jahre 1993 erfolgte dann deren Vereinigung auf der Grundlage eines Staatsvertrages, der die Trägerschaft der Akademie der Künste durch die Länder Berlin und Brandenburg regelte. Seit Januar 2004 obliegt dem Bund die gesamte finanzielle Trägerschaft der Akademie und seit Mai 2005 ist die Akademie eine bundesunmittelbare, rechtsfähige Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Die Vereinigung der Akademien führte auch die seit dem Kriegsende getrennten Archivbestände wieder zusammen. Mit über 800 Künstlernachlässen – unter anderem von Elisabeth Bergner, Bertolt Brecht über Heinrich Mann und Anna Seegers bis Arnold Zweig -, einer Spezialbibliothek von über 500.000 Bänden und einer Kunstsammlung von 60.000 Objekten ist das Archiv der Akademie der Künste ein bedeutendes Archiv zur Kunst des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum. Die Akademie hat heute knapp dreihundertsiebzig Mitglieder, von denen über hundert bereits am 28. April anwesend waren, um auch gleich eine neue Satzung anzunehmen. In ihr heißt es, die Akademie diene der Förderung der Künste und vertrete „in Staat und Gesellschaft Freiheit und Anspruch der Kunst”. „Weil ich politisch engagiert bin”, so erklärt der neue Präsident mit einfachen Worten seine Wahl. Diese Tatsache ist nicht wenigen Mitbürgern bekannt, wird der Künstler doch besonders wegen seiner Aufmüpfigkeit und Widerborstigkeit verehrt. Nicht von allen, denn er werde oft auch mit Häme übergossen, bemerkt der „Störenfried”. Was ihn aber besonders störe, seien die vielen Klischees über ihn, die einfach nicht stimmten. Wie zum Beispiel, dass er ein radikaler Linker sei. „Es ist die Beliebigkeit, die Zukunftsängste schürt”, meint der ebenso intelligente wie sensible Mann, „so erklärt sich auch die Flucht in seichte Unterhaltung, an der die Medien nicht wenig Schuld tragen”. Doch er wehrt sich. Lächelnd sagt er: „Mein Credo ist: Was mich stört, versuche ich auch zu ändern.”

Und so nimmt er im schönen Heidelberg, wo er sehr gerne lebt, wenn er einmal da ist, nicht hin, was der Normalbürger an alltäglichen Missständen einfach erträgt. An der Neckar-Perle stört ihn natürlich auch einiges, vor allem aber die Kommerzialisierung der Hauptstraße als eine der längsten Einkaufsmeilen der Republik. Doch gibt er nicht der Stadt die Schuld, sondern den Verbrauchern, die, wie er findet, maßgeblich für das Veröden der wirtschaftlichen Vielfalt durch Fachgeschäfte verantwortlich seien, weil sie es gar nicht mehr anders wollten. Dagegen ist ihm seine „Kreatitvitätshöhle”, seine Galerie in der Altstadt, sehr wichtig, nicht zu vergessen die Weltläufigkeit und das tolerante Klima, das er an Heidelberg nach wie vor schätzt. Hier betreibt er auch seine Edition, mit der er konsequent alle modernen Kunstmessen bereichert. Er publiziert nicht nur seine eigenen Poster, sondern auch Auflagenwerke von Joseph Beuys, Felix Droese, dem Sprayer Harald Naegeli oder dem kürzlich verstorbenen Videokünstler Nam June Paik und anderen Kollegen.

Vielleicht aber verdanken wir manche seiner frechen Ideen langen Spaziergängen auf dem idyllischen Philosophenweg oder im romantischen Schlossgarten. Möglichkeiten zum Lustwandeln hat die alte Universitätsstadt mit dem für ihn sehr fruchtbaren und wachen Geistesleben genug. Hier hat er sich seit mehr als dreißig Jahren als eine Art Hefe im Stoffwechsel des politischen Bewusstseins erwiesen. Berühmt wurde Staeck 1971 durch ein Poster, auf dem er die Porträtzeichnung von Dürers alter Mutter mit dem Satz beschriftete: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“ Es folgten über die Jahre auf mehr als 350 Postern fetzig-freche Bildkommentare zu CDU-Spendenskandalen, zu Umweltverschmutzung, Ausländerhass, nationalistischem Mief u.v.a.m. Von denen zielten nicht nur alle genau in das politisch Schwarze, sondern trafen auch viele ins Mark, die sich getroffen fühlen sollten, oft so sehr, dass einige sogar Anzeige erstatteten.

Was macht eigentlich das Besondere an Staecks Plakaten aus, die er, wie er berichtet, noch immer erst einmal per Hand skizziert? Es sind die Sachverhalte, die allgemein einfach hingenommen werden. Aber über Staeck regen sich Leute auf, eigentlich immer die, auf die er zielt, was er natürlich gut findet. Die vielen Gerichtsverfahren, die ihm die Arbeit verbieten wollten, konnten seinen Ideen nichts anhaben. Wie gut, dass er in seiner Jugend ein Jurastudium vollständig absolvierte, inklusive Referendariat. Und so kommt es, dass der Vielseitige sich nicht nur im Bild, sondern auch im Wort auszudrücken versteht, wovon er ausführlich Gebrauch macht. Es finden sich auf seiner Website eine ganze Menge schriftliche Auseinandersetzungen des Meisters persönlich, immer auf dem aktuellen Stand der Dinge. So ganz by the way fotografiert er auch noch, altmodisch analog, wie er beichtet, und lichtet dabei gerne die Absurditäten des Alltags ab. Dass er außerdem ein Talent zum Organisieren hat, wird ihm sicher bei seiner neuen Aufgabe, „ein Kamikaze-Unternehmen”, von Vorteil sein, denn schon in der Vergangenheit hat Staeck durch öffentliche Veranstaltungen die Bürger zu „mehr Demokratie wachrütteln“ wollen.

Und nun hat die Akademie der Künste einen couragierten Präsidenten, dem gerade die Öffentlichkeit besonders am Herzen liegt, und das in einer Situation, in der sich die Akademie in einer Krise befindet. Der bekennende Sozialdemokrat hat es „sich sehr, sehr lange überlegt, aber ich konnte der Verantwortung nicht mehr ausweichen”, zementiert Staeck seinen Entschluss, obwohl der ihm jetzt schon allein aus Gründen der Entfernung Kopfzerbrechen bereitet, da Heidelberg sein Wohnsitz bleiben wird. „Die Akademie ist nicht überflüssig”, verteidigt der Anwalt seinen jüngsten Klienten, „sie ist kein unmöglicher Haufen”, wie sie, besonders durch die Auseinandersetzungen um Adolf Muschg, zur Zeit gerne dargestellt wird. Der frühere Präsident hat eine Menge Irritationen hinterlassen, seit er im Zorn im vergangenen Dezember seinen Posten im ebenso prachtvollen wie problematischen Neubau am Brandenburger Tor verließ. Problematisch auch deshalb, weil die Künstlersozietät seit 2005 vom Bund finanziert wird und so eine politische Aufgabe mitübernommen hat, für die sich viele Künstler gar nicht interessieren.

Der Grafiker Staeck war vom Dramatiker Rolf Hochhut öffentlich für das Amt vorgeschlagen worden. „Was sind das für Zeiten”, sagte der Umworbene bei der Annahme der Wahl am 29. April, „in denen ein Satiriker zum Präsidenten gewählt wird“. Eigentlich müsse man ihm noch ein bisschen Zeit geben, meint der Achtundsechzigjährige, der gar nichts Opahaftes, sondern vielmehr Jungenhaftes an sich hat, aber der Erwartungsdruck sei sehr hoch. So ergreift der Ritter der Gerechtigkeit erneut die Lanze und verspricht: „Ich kämpfe dafür, dass öffentlicher Raum für notwendige gesellschaftliche Debatten erhalten bleibt, die Akademie soll mehr als bisher als Bühne für Kunst und Kultur wahrgenommen werden.” Es sei nicht wahr, konstatiert Staeck, dass nichts geschehe, allerdings soll es in Zukunft zwecks Bündelung von Aufgaben einen Programmbeauftragten geben. Ein neuer, frischer Wind für eine altehrwürdige Einrichtung? War nicht Muschg wegen eines sich anbahnenden Kurswechsels so plötzlich zurückgetreten?

Viele Aufgaben hat sich der Politkünstler Staeck, wie er oft genannt wird, gestellt: Fragen des Urheberrechts oder die soziale Situation von Künstlern und Künstlerinnen im Allgemeinen seien zu klären, am wichtigsten aber sind ihm die öffentlichen Räume. „Die Meinungsfreiheit ist lange nicht so selbstverständlich, wie wir glauben. Es wird immer einen Kampf geben, da die Privatisierung in allen Lebensbereichen die Öffentlichkeit zurückdrängt”, beharrt Staeck und blinzelt in die Sonne. „Man sollte von uns jetzt nicht täglich eine politische Resolution erwarten”, sagt er, der sich ausdrücklich über die bisherige sehr faire Berichterstattung über ihn und sein neues Amt freut. Und er weiß: „Dies ist wahrscheinlich einer der schwierigsten Jobs in unserer Kulturlandschaft”, aber ein echter Kämpfer packt auch dies!

Erschienen im Staatsanzeiger Baden Württemberg, Scala