Der Folterabend

Letztens bei war ich bei Chrissie und Peter zum Polterabend eingeladen, überraschend, dass es alte Rituale dieser Art überhaupt noch gibt. Vor allem, wenn sich zwei bereits zum dritten Mal die Hand reichen, allerdings nicht immer dieselbe.

Daher war nicht nur die Frage groß, was ziehe ich an, sondern auch: was nehme ich mit? Dummerweise hatten wir nur einen Tag, bevor die Einladung kam, gerade Sperrmüll vor dem Haus, dem alles zugefügt worden war, was auch auf Ebay niemand mehr genommen hätte. Auch nicht für einen Euro. Übrigens: gewisse Dinge, noch dazu aus unserem Haushalt, lagen auch am nächsten Morgen noch da. Und meine asbachuralte Kindertasse, aus der ich bei meiner geliebten Oma immer die warme Milch, frisch vom Bauern nebenan mit der Kanne eigenhändig geholt, die wollte ich wirklich nicht hergeben, trotz mannigfaltigen Sprüngen und Kerben.

Die Durchsuchung sämtlicher Kisten und Kasten begann noch einmal, der Keller noch einmal gründlichst inspiziert, der Hirnschmalz zum Dampfen gebracht, allein: mir fiel nichts ein. Ich hatte nichts, was ich guten Gewissens hätte bei den beiden mit Freude und Schmackes zerdeppern können. Überlegungen traten ins Bewusstsein, vielleicht bei den Nachbarn zu fragen, peinlich Blicke in Kauf nehmend, einen Aufruf über Facebook und Twitter zu starten und dann medienwirksam ausgelacht zu werden, oder vielleicht ein bisschen in der Mülltonne der Hausgemeinschaft zu wühlen?

Der lustige Polterabend gedieh allmählich zum Folterabend, ich geriet in eine ernst zunehmende depressive Verstimmung. Mit meiner schönen großen Teetasse in der Hand stand ich am Fenster und überlegte krampfhaft, wie man diesem Malheur, auf das ich mit der Einladung zusteuerte, vielleicht mit Gotteshilfe doch noch entkommen könnte – da gab es einen langen entsetzlichen kreischenden Ton direkt unter mir. Der Boden vibrierte, meine Hände zitterten, mein Herz zog sich voller Angst zusammen, da geschah es noch einmal: unbarmherzig laut, wühlend, dumpf surrend bis in die tiefsten Erdschichten, wieder unvorhersehbar, und da nahm das Unglück seinen Lauf: Vor Schreck ließ ich die Tasse fallen, sie polterte mit Karacho auf den Boden und zersprang in tausend Stücke.

Mein Entsetzen war so gewaltig, dass ich versehentlich an eines meiner Bücherregale stieß, auf dem sich, neben den Büchern, auch noch eine nachgemachte griechische Vase befand, ein Erbstück meines Vaters. Ich sah sie fallen, wie in Zeitlupe, zum Glück nicht mein Gesicht dazu. Unter Tränen fegte ich die Überbleibsel besserer Zeiten zusammen und trug alles in die Küche zum Entsorgen. Tattrig, wie ich war, übersah ich dabei das Frühstücksgeschirr, das mein Sohn wie üblich, statt es gleich in die Spülmaschine zu räumen, einfach an den Rand des Küchentischs geknallt hatte. Ich nahm es mit der Hüfte und es stürzte, ging den Weg alles Irdischen, und krachte hernieder. Der Scherbenhaufen war unendlich höher geworden, aber ich hatte endlich, was ich braucht: Mein Mitbringsel zum Polterabend.

Eure Viola


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