Das Rosenmütterchen

Vor vielen vielen Jahren, verließ König Laurin bei Abenddämmerung noch einmal seinen Palast, um ein wenig im schimmernden Licht der untergehenden Sonne seine Lieblingsblumen zu betrachten, deren Duft in dieser Stunde am stärksten wahrzunehmen war. Er erinnerte dabei an ein wunderschönes Mädchen auf einem Schloss bei Bozen, genannt das Rosenmütterchen. Seine Mutter war ihm früh gestorben, und sein Vater, der König, hatte sich beizeiten einer neuen Frau zugewandt, der das Mädchen egal war. Geschwister hatte es keine, nur ihren weißen Hund, mit dem es Tag für Tag spielte und der sein Freund war. Manchmal ritt es auch aus, ein schwarzer, sanfter Hengst war ihm vom Vater geschenkt worden, als es allzu sehr über den Verlust der Mutter trauerte.

Der Hengst war es zweiter Freund, der ihm stets fröhlich zu wieherte, wenn er es nur kommen sah und es überall hinführte, ohne, dass es etwas sagen musste. Schließlich gab es noch einen goldfarbenen kleinen Hasen mit weichem Fell, den hatte es immer bei sich, sogar, wenn es ausritt, musste das possierliche Tierchen in einem eigens dafür angefertigten Weidenkörbchen mitgenommen werden. Den Hund hatte es Theodor getauft, der Hengst hieß Alwin und das Häschen war das Mandarinchen, alle drei waren die besten Freunde, die man sich vorstellen konnte.

Der Vater war tagaus tagein mit dem Regieren beschäftigt, und abends, beim Mahle, sprach er stets mit der neuen Stiefmutter über die Amtsgeschäfte und was sonst noch so anfiel, mit der Prinzessin sprach niemand, alle dachten, sie interessiere sich nicht dafür. Und so kam es, dass schließlich alle Welt meinte, sie sei stumm, weil die Schlossbewohner vergessen hatten mit der Prinzessin zu reden, und diese immer nur mit ihren Tieren zusammen war, beinahe als verstünde sie die Sprache der Tiere. Da sie nun so wunderschön war, wollte sie der Vater verheiraten, ein ordentlicher Prinz und späterer Nachfolger sollte her. Da erschrak die Prinzessin, denn sie wollte niemanden in ihr Herz lassen, niemanden, den sie nicht auch liebte, und den ihre Tiere liebten. Der König verstand dies nicht und ordnete an, eine Depesche solle in alle vier Windrichtungen verschickt werden, die Königstochter wolle heiraten.

Das Mädchen weinte und seine Tränen liefen wie feine rosa Perlen über seine weißen Wangen auf den Sandsteinboden und erweichten mit seinem Glanz das Herz des Vaters. “Deine schönen Augen, Tochter, und deine seltsamen Tränen veranlassen mich, Dir noch einmal Aufschub zu gewähren: ich lege dir einen Rosengarten an, den hegst und pflegst du, wie es dir gefällt, aber wenn die erste blutrote Rose erblüht, dann heiratest du”, so entschied der Vater. Die Prinzessin war erleichtert, doch spürte sie auch die Gefahr, und deshalb fragte sie ihre Tiere, was sie tun könne, um das Wachsen einer blutroten Rose, deren Samen ihr Vater ganz sicher mit in den neuen Garten gesät hatte, zu verhindern. Alwin fand, sie solle erst einmal abwarten und schauen, was überhaupt wachsen würde im neuen Garten, wäre eine blutrote dabei, würde er sie einfach fressen. Theodor hätte gerne sofort den ganzen Garten umgegraben und Mandarinchen, ja, Mandarinchen hätte einen Gang zur Wurzel der Rose gehöhlt und diese dann angeknabbert.

So beruhigt machte sich die Prinzessin an die Arbeit, sie bestellte das Gärtchen und es wurde schöner und schöner, so dass bald niemand mehr zu sagen wußte, was schöner sei, die Prinzessin oder der Garten. Weil aber mit dem Aufblühen etlicher neuer Rosen dem Mädchen bewusst wurde, dass jederzeit die blutrote darunter sein könnte, wurde sie noch trauriger als sie ohnehin schon war. Bald sprach sie noch nicht einmal mehr mit den Tieren, sondern schien eins geworden zu sein mit dem Garten. Von nun an nannten sie alle nur noch das Rosenmütterchen. Eines Tages, eben war die Sonne aufgegangen und feines, rotgoldenes Licht fiel die Berge hinab auf den wunderbaren Rosengarten, glühte etwas blutrot zwischen den dunkelgrünen Blättern herauf, es war die Rose, auf die der Vater gewartet hatte. Das Rosenmütterchen erschrak entsetzlich. Schnell rief es nach dem Pferd, doch als es die Knospe abbeißen wollte, blieb ihm diese in der Kehle stecken und es erstickte. Unter Tränen verlangte es nach dem Hund, der fing an zu graben, grub und grub und war auf einmal verschwunden. Jetzt blieb nur noch das Mandarinchen, das einen Bau anlegte, um die Wurzel anzunagen. Doch kaum hatte das niedliche Tierchen die Wurzel berührt, als es auch schon tot im Bau liegen blieb.

In der Zwischenzeit war die Sonne höher gestiegen, und aus der Knospe war eine samtene blutrote Blüte geworden, die schönste und die gefährlichste unter allen Rosen. Das Mädchen weinte und weinte und wünschte sich Schutz herbei. Da stand plötzlich ein uraltes Mütterchen neben ihm, gewandet in rot und rosafarbene Kleider und getrockneten Rosen im Haar und sprach zu ihm: “ich bin das echte Rosenmütterchen, ich kann dir helfen”. Das Mädchen wollte wissen, wie, und da erklärte ihm die Alte: “Wenn du sicher bist, dass du hier bleiben möchtest, im Boden deiner Mutter und keinem Mann gehören willst, wenn du ganz sicher für immer deinen Rosengarten wie dich selbst lieben willst, dann verwandle ich dich in einen ewigen Rosenstock, den nichts und niemand zerstören kann”.

Das Mädchen dachte nicht lange nach, seine Mutter hatte es bereits verloren, die Tiere gerade eben, dem Vater war es egal, und heiraten wollte es nicht, und so willigte es ein. Die alte Rosenfrau nahm darauf hin einen Rosenzweig aus ihrem Haar, küsste ihn, und verwandelte die Prinzessin in die blutrote Rose, die sich gerade geöffnet hatte und die für immer die allerschönste Rose bleiben sollte, die jemals auf diesem Schloss gesehen wurde. Danach wurde die Alte selber zu einem Rosenstock mit goldenen Knospen, direkt neben der neuen Rose, denn niemand anderes als Mutter des Mädchens in Gestalt der seltsamen Alten hatte es gerettet.

Und die Tiere wurden mit einem Schlag wieder lebendig, sie verließen aber das Schloss und blieben für immer zusammen. Seither muss es auf Schloss Korb, wenn es den Besitzern gut gehen soll, immer ein Rosenmütterchen geben, die den Rosengarten hegt und pflegt, ihn liebt und schützt, und ein wenig mit der blutroten Rose spricht, die immer noch, nach so vielen hunderten von Jahren, lieblich strahlt und glänzt, voller Leben und Güte.