Das fehlende Kapitel – Teil VII

Eine magische Geschichte für mein Buch „Bar Sevilla“, die aus Platzgründen nicht veröffentlicht wurde, hier nun in Fortsetzungen.

Niemand konnte sie davon abhalten, auf zierlichen goldenen Sandaletten unter weißen Hosen und einer einfachen weißen Bluse durch die Altstadt Marrakeschs trepp-auf trepp-ab zu eilen und die bewusste Türe zu suchen. Was sie vorfand, glich Tausend-und-einer-Nacht, und diese schienen es bald darauf auch beinahe zu werden. Achmed verwöhnte seine erste weiße, und dazu noch hellblonde Frau nach Strich und Faden, zuerst kulturell mit seinen fantastischen Bildern und seiner außergewöhnlichen Bibliothek in einem arabischen Traumpalast, dann kulinarisch mit den ausgesuchtesten Speisen und Getränken, serviert im Innenhof neben einem plätschernden Springbrunnen und schließlich … machte er sie in seinem Schlafzimmer glücklich, auf einem Bett voller prachtvoller Kissen aus Brokat und Seide, während über die hohen Mauern des Gartens eine sanfte Brise leichte Vorhänge bewegte, passend zum Rhythmus der beiden Körper. Nicht einfach nur zärtlich war er, er kannte jede Kurve des weiblichen Körpers, schien seine Anatomie geradezu studiert zu haben, und hielt sich selbst sehr lange zurück. Über dem Liebeslager war ein barocker Spiegel angebracht, beim Blick in diesen bedauerte die schöne Frau es beinahe, dass niemand außer ihnen diesen Anblick würde bewundern können.

Denn es war nicht sehr stimulierend, sich selber und dem Partner zu zuschauen, sondern der Kontrast des fast schwarzen männlichen und des fast weißen weiblichen Körpers war von einer unglaublichen Ästhetik. Der bisher beste aller Liebhaber gab ihr den absoluten Vorrang, es gab nur sie, wirklich nur sie. Immer wieder und immer wieder, sie konnte es kaum fassen, er schien unermüdlich zu sein. Schließlich war sie es, die nicht mehr konnte und lachend darum bat, nachhause gehen zu dürfen. Aus einer Woche wurden zwei, endlich drei Wochen, anstatt der Ismael angekündigten drei bis vier Tage, die hatte bleiben wollen. Den sie im Rausch der Sinne völlig vergessen hatte, er aber keineswegs sie.

Tagtäglich hatte er in ihrem Hotel angerufen und immer nur die Auskunft bekommen, Madame sei gerade unterwegs…Es kümmerte sie auch nicht, dass die halbe Stadt schon über ihr Verhältnis mit dem „Zauber“-Künstler tratschte, Helga hatte sich schon immer über Konventionen hinweg gesetzt. Ihr Reichtum machte ihr das noch einfacher. Endlich kam sie ein wenig zu sich und las die Mitteilungen durch, die ihr die Hotelleitung in ihr Zimmer hatte legen lassen. Nun fühlte sie ein schlechtes Gewissen, ein sehr schlechtes Gewissen, fragte sich, wie es hatte soweit kommen können, obwohl sie doch geglaubt hatte, Ismael langsam zu lieben. Sie war sich vollkommen darüber im Klaren, dass sie Achmed nicht liebte, und auch er sie nicht – ein wunderbares, sehr erfüllendes erotisches Abenteuer, mehr nicht.

Damit es dabei blieb, schickte sie ihm eine Nachricht und ein kleines Geschenk, einen silbernen antiken Dolch, den sie eigentlich ihrem Lebensgefährten hatte mitbringen wollen. Dann buchte sie den nächsten Flug zurück und war noch am selben Abend zuhause. Ismael kam gleich zu ihr, er war bleich und sah schlecht aus, so schlecht, dass Helga klar war, sie müsse ihm die Wahrheit sagen. Er hörte sich ihren Bericht, der gewisse Details natürlich ausließ, mit traurigem Gesicht an, sagte lange nichts, und fragte dann nur, wann, an welchem Tag genau „es“ zum ersten Mal geschehen sei. Sie zögerte, doch dann antwortete sie ihm ehrlich.

Er sah sie nicht an, nickte nur mit dem Kopf. In seinen Augen standen Tränen, als er ihr erzählte, dass er genau in dieser Nacht kein Auge hatte zumachen können, Herzrasen hatte und in den kurzen Phasen, in denen er ein genickt war, von Albträumen verfolgt worden war. Wieder schaute er sie an, sie einigten sich, sich nicht gleich zu trennen, sondern sich einfach aus dem Wege zu gehen. Auch Helga wollte nicht gleich aufgeben, und Ismael liebte sie einfach zu sehr, um sie, trotz der tiefen Wunde, die sie ihm angetan hatte, einfach gehen zu lassen. Nun verreiste er eine Weile, ohne jedoch dabei fremd zugehen und sich dadurch zu rächen, und kam beruhigter wieder. Tatsächlich probierten sie noch einmal mit einander und produzierten dabei ihren einzigen Sohn. Den Schnitt konnte das nicht wirklich heilen, und irgendwann ging Helga dann.

Als sie ihren staunenden Freundinnen zu Ende erzählt hatte, wollten diese gleich eines wissen: sind schwarze Männer wirklich besser ausgestattet und können sie länger??? Helgas Antwort war simpel: Sie können länger und häufiger, weil man in Afrika Zeit hat, nicht wie wir, Uhren. Zu diesem Zeitpunkt füllte sich langsam die Bar Sevilla, und wurde nötig, die Pole-position am Tresen einzunehmen, in Stimmung gebracht waren sie ja nun.

Eure Viola


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