Das fehlende Kapitel – Teil VI

Eine magische Geschichte für mein Buch „Bar Sevilla“, die aus Platzgründen nicht veröffentlicht wurde, hier nun in Fortsetzungen.

Der Film, den die vier Freundinnen sich ausgesucht hatte, war am Tag vorher abgesetzt worden, so überraschend, dass keine sich die Mühe gemacht, vorher nachzuschauen, ob er auch wirklich liefe. Ihr Ärger war groß, gegessen hatten sie alle schon und die anderen Filme interessierten nicht jede von ihnen.

Daher beschlossen sie, einfach einmal früher in ihr “Wohnzimmer” zu gehen. Keine wirklich gute Idee, denn es war beinahe niemand da außer ihnen und den beiden Brüdern hinter dem Tresen. Sie setzten sich, entgegen ihrer Gewohnheit, an einen der kleinen Bistrotische und bestellten eine Flasche Rotwein. Ein ungewöhnlich schöner Schwarzer kam kurz herein, schaute sich um und ging leider wieder. Vier Köpfe flogen herum, bewunderten ihn und seufzten ein wenig, weil er so schnell wieder gegangen war. Natürlich war man schnell beim Thema “Schwarze Männer und ihr Ruf”, als Helga zur Überraschung aller meinte: “Ich hatte schon einmal einen!”

So ganz nebenbei gesagt, wohl wissend, dass sie Rede und Antwort würde stehen müssen. Niemand hörte ihnen zu, die zwei Jungs hinter der Bar waren mit Gläser spülen und Käse schneiden beschäftigt, also konnte Helga mit ihrer Geschichte loslegen. Es hatte sich zu der Zeit begeben, als sie noch mit Ismael zusammen war, in einer Phase, in der sie glaubte, ihn vielleicht doch noch heiß und innig lieben zu können. Ausgerechnet. Im regnerischen spanischen November hatte sie Sehnsucht nach Farben gehabt und war spontan nach Marokko gereist.

Sie schlenderte durch die Suks, genoss die Sonne und die bunten Gewänder, die traditionelle marokkanische Küche in einfachen Lokalen und lernte dabei Achmed kennen. Denn sie bevorzugte schnell ein winziges Restaurant, in dem beinahe nur Einheimische aßen und in dem sie auffiel wie ein weißer Pfau in einem Stall brauner Rennpferde.

Wieder einmal war es die ihr eigene unnachahmliche Art, dass man ihr einerseits Respekt wie einer Königin zollte, und sie andererseits bereitwillig in die “Familie” aufnahm. Einer saß immer mit herum, sprach fließend französisch und war ein ebenholzschwarzer Adonis, Achmed genannt, aber eigentlich aus dem Kongo stammend. Er sei Künstler, hieß es, wobei niemand jemals irgendetwas von ihm gesehen hatte, und keiner wusste, wo er genau herkam, was er genau tat und auch sonst nicht viel von sich verriet. Immer lächelte er unergründlich mit seinem schön geschwungenen Kussmund und traute sich, ihr direkt in die Augen zu schauen mit riesigen schwarzen Augen.

Helga war ungeheuer angezogen von diesem schwarzen Panther, wie sie ihn für sich nannte, denn seine Bewegungen waren katzenhaft elegant und geschmeidig. Also lächelte sie zurück, und bat ihn an ihren Tisch. Sehr bald entwickelte sich eine Spannung zwischen den beiden, die alle anderen gleichsam spürten, wenn sie auch nicht verstanden, was die beiden in reinsten Hochfranzösisch sprachen. Achmed war Maler, entstammte wie sie einer vermögenden Familie und war völlig fasziniert von dieser Frau, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Da die Anziehungskraft gegenseitig war, versprach Helga, schon am nächsten Tag sein Atelier anzuschauen.

Eure Viola

 


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