Das fehlende Kapitel – Teil III

Eine magische Geschichte für mein Buch „Bar Sevilla“, die aus Platzgründen nicht veröffentlicht wurde, hier nun in Fortsetzungen.

 

Von der Kunst, Himbeeren zu essen

Mit ihrem kleinen Sohn konnte sie lachen und glücklich sein, das Leben „bei Hofe“, wie sie es für sich nannte, lag ihr weniger. Sie nahm zwar an den Partys teil, war charmant und ausgeglichen, erzählte geistreich Anekdoten, wusste überall mitzureden und war immer auf dem Laufenden. Also war sie stets eine gerne gesehene, wenn nicht sogar besonders erwünschte Gesprächspartnerin.

Wie es dagegen in ihrem Inneren aussah, das wusste niemand, bis auf eine einzige, ihre älteste Freundin Marie-Lou, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatte. Diese hatte auch nicht heiraten wollen, sie liebte ihre Unabhängigkeit viel zu sehr. Es gefiel ihr in Spanien, bei ihrer Freundin, im Süden und im Luxus, denn im Gegensatz zu Helga war sie nicht so sehr vom Glück verwöhnt worden. Neben der vielen Zeit, die sie mit ihrem Sohn verbrachte, fuhr sie mit ihrer Freundin oft weg, denn ihr Anstand gestattete es ihr nicht, dem Vater ihres Kindes allzu deutlich zu zeigen, wie wenig sie sich in der Zwischenzeit für ihn interessierte.

Die beiden Frauen bereisten die Welt und sofern es ging, war der kleine Nicolas dabei. Männer waren stets ihre beste Gesellschaft, denn die Frauen zeigten sich oft neidisch. Für die spanischen Sprößlinge war es üblich, sie im Alter von vier Jahren in die so genannte Vorschule zu geben. Da Helga nicht an ein weiteres Kind dachte, schien es ihr zum Wohle ihres Sohnes gut zu sein, ihn ab jetzt mehr in der Gesellschaft Gleichaltriger zu lassen. Sie wurde dadurch wieder freier, besonders, als er dann schließlich in die reguläre Schule wechselte. Sie war noch immer jung, vielleicht schöner als je zuvor, doch unausgefüllt und blieb nur des Kindes wegen bei Ismael.

Als sie wieder einmal in Gesellschaft Marie-Lous im Frühsommer nach Sardinien fuhr, in ihre Privatvilla am smaragdfarbenen Meer, geschah es.

Sie war abends zu einem Essen eingeladen, bei einem guten Freund, der das luxuriöseste und auch schönste Hotel der Insel hatte. Und hier traf sie ihn, Frederick, einen Schotten, dunkelhaarig, mit tiefblauen, leicht violettfarbenen Augen. Wie sie später Marie-Lou erzählte wussten sie es wohl alle beide gleichzeitig, dass sie quasi der Schlag getroffen hatte. Für einander geschaffen wie das Glitzern auf ihrer goldenen Kette, als ob sie sich schon immer gesucht und nun endlich gefunden hätten.

Er war nicht unbedingt ein George Clooney, was seine äußerliche Schönheit betraf, aber seine Ausstrahlung und sein Charme waren überwältigend. Ein echter Mann, ein Herr schon beinahe, gepflegt, stilsicher, zuvorkommend, warmherzig und klug, ein Traummann – und er wollte sie. Der Hauch eines Glücksstrahls streifte ihr Herz, mehr wollte sie sich nicht trauen, sie hatte Angst. Nach dem Essen, nach den Drinks und den Plaudereien, wollte sie auf ihre Suite gehen, denn obwohl sie aufgeregt war, war sie auch müde, emotionale Erschöpfung machte sich bemerkbar. Er bot an, sie durch die Lounge zu begleiten, und sie nahm an. Da er sie nicht einfach gehen lassen wollte, lud er sie auf ein abschließendes Glas in die Bar ein, in der sich außer dem Keeper niemand befand.

Eure Viola


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