Das fehlende Kapitel – Teil II

Eine magische Geschichte für mein Buch „Bar Sevilla“, die aus Platzgründen nicht veröffentlicht wurde, hier nun in Fortsetzungen.

 

Von der Kunst, Himbeeren zu essen

Anfang zwanzig hatte sie ihr Abitur und einige Reisen an die Jetset-Metropolen dieser Welt hinter sich, und außerdem ihre Unschuld an einen feurigen und wunderschönen Mexikaner in Acapulco verloren. Ihr “erstes Mal” hatte sie sich sehr bewusst aufgehoben, und schon da zelebrierte sie die körperliche Liebe wie auf einem Altar. Der Mexikaner war nach einer längeren Werbephase dann von ihrer Fähigkeit zur Hingabe und ihrer Fantasie so überrascht, dass er, hätte er es nicht persönlich überprüft, kaum geglaubt, dass diese Dame noch eine Jungfrau gewesen war.

Von da an hielt sie es weiterhin so: Nur höchst erlesene Exemplare der Männerwelt durften gelegentlich das Lager mit ihr teilen, Liebe war dabei nicht mit im Spiel. Und so pflasterten gebrochene Herzen ihren Weg, von dem sie nicht abwich, und keinerlei Vorstellung davon hatte, wohin er führen könnte. Die Welt der Schönen und Reichen, in der sie sich federleicht bewegte, war nicht wirklich die ihre, so recht kannte sie aber auch keine andere, bis auf die der Künstler.

Mit ihrem Feinsinn und ihrem Gespür für Qualität, aber auch durch ihre exquisiten Verbindungen war sie schon lange eine gute Freundin international renommierter Künstler, von denen sie einige Werke besaß, so wertvoll, dass sie deren Besitz weitgehend geheim hielt. Eines Tages lernte sie dann in St. Moritz ihn kennen, Ismael, einen spanischen Adeligen aus sehr altem und sehr traditionsreichem Hause.

Ein schöner Mann, hoch gewachsen, auch sie war nicht gerade klein, mit fast schwarzen Zephatenaugen, braunschwarzem, vollem Haar, besten Manieren und millionenschwer.

Er verliebte sich in die grazile Frau, war ihrem Charme, ihrer Bildung und ihrer warmherzigen Ausstrahlung sofort erlegen. Er begann, um sie zu werben, wollte sie heiraten. Sie zögerte, nicht, weil er ihr nicht gefiel, sondern weil sie ungern ihre Freiheit aufgeben wollte. Doch wohnte seit einiger Zeit auch der Wunsch nach einem Kind in ihr, er schien ihr der ideale Vater zu sein, und: sie mochte ihn tatsächlich.

Sie zog für eine Weile in sein Palais nach Spanien, wunderschön gelegen unter Palmen und mit dem Blick auf das beinahe immer blaue Meer. Ihr Leben war so märchenhaft schön, dass sie sich ein wenig in ihn verliebte, und sieh an: nach drei Jahren stellte sich sogar ein kleiner Prinz ein, ihr Ein und Alles. Sie überließ es nicht, wie eigentlich üblich, einer Kinderfrau, ihr Kind zu erziehen, sondern widmete sich ihm ganz. In dieser Zeit wurde ihr klar, dass sie Ismael zwar mochte, doch mehr auch nicht. Und das stimmte sie traurig.

Eure Viola

 


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