Das fehlende Kapitel – Teil I

Eine magische Geschichte für mein Buch „Bar Sevilla“, die aus Platzgründen nicht veröffentlicht wurde, hier nun in Fortsetzungen.
 

Über die Kunst, Himbeeren zu essen

Nachdem die Freundinnen sich wieder einmal zu Essen verabredet hatten, und es zum Nachtisch bei ihrem Lieblingsfranzosen frische Himbeeren zu echtem Vanilleeis gegeben hatte, entschied sich Helga, ihnen die wichtigste Geschichte ihres Lebens zu erzählen, bevor sie in die laute Bar Sevilla aufbrachen. Sie orderte eine Flasche Champagner, vier frische Gläser und begann:

Sie war in eine schwerreiche Unternehmerfamilie hineingeboren worden – schon als Baby war sie etwas Besonderes. Man erzählte über sie, sie habe eine Aura aus Licht und Gold, die durch ihre weißblonden Löckchen und die porzellanfarbene Haut noch unterstrichen wurde, umgeben. Als sie heranwuchs, verstärkte sich der Eindruck der Unnahbarkeit, gemischt mit einer charismatischen Anziehungskraft. Man wollte ihr nahe sein und traute sich dennoch nicht. Ihrem empfindsamen Herzen tat dies weh, und bestärkte sie in ihrem Entschluss, so wenig wie möglich von sich preiszugeben. Die Tatsache, dass sie darüber hinaus auch noch intelligent war und ein feines Gespür für Kunst und Kultur hatte, machte sie immer mehr zum goldenen Vogel in einem goldenen Käfig, denn so viele gute Gaben auf einmal waren schwer zu verdauen für die meisten Menschen, mit denen sie zu tun hatte.

Ihre geliebten Eltern ließen ihr den nötigen Freiraum, sorgten für eine ausgezeichnete Bildung und überließen es ihr selbst, den eigenen Weg durch das Leben zu finden. Bei den Mädchen war sie aufgrund ihres ausgezeichneten Geschmacks und ihrer schönen Kleider sehr beliebt. Die Männer lagen ihr sowieso zu Füßen, und manch einer hatte auch den Mut, sie einzuladen. Zu mehr war sie allerdings nicht bereit, sodass sie sehr bald in den Ruf kam, eine eiserne Jungfrau zu sein. Beinahe niemand hatte auch nur eine kleine Ahnung davon, wie sinnlich sie in Wirklichkeit war.

Eure Viola

 


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